Offener Brief der WRSA an den Präsidenten der Bundestierärztekammer zur Kaninchenhaltung

16.06.2010 08:59 Alter: 7 yrs
Kategorie: Tierschutz

Offener Brief an den Präsidenten der Bundestierärztekammer

 

Sehr geehrter Herr Präsident Prof. Mantel,

Die Bundestierärztekammer und die deutsche Gruppe der World Rabbit Science Association (WRSA) sind sich einig in dem Bemühen, die Haltungsbedingungen für Tiere – im vorliegenden Bezug der Mastkaninchen – zu verbessern. Die WRSA unterstützt das Anliegen des Bundesministeriums, die Haltung von Kaninchen im Rahmen der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung zu regeln. Zur Optimierung der Haltung von Kaninchen wird national und international geforscht. In Deutschland wurde durch das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz ein Forschungsprojekt zur Thematik „Gruppengröße und Besatzdichte bei Mastkaninchen“ an der Justus-Liebig-Universität Gießen gefördert. Die Ergebnisse wurden in der Dissertation von Caroline Lang (2009) zusammengefasst und verschiedentlich publiziert. Über 1000 Tiere wurden in die Untersuchungen unter den Bedingungen klimatisierter Räume einbezogen. Sämtliche Einzeltiererkrankungen wurden dokumentiert. Haltungsbedingte Verletzungen spielten eine völlig untergeordnete Rolle. Die vergleichsweise wenigen Fälle von Verletzungen in diesen Untersuchungen standen im Zusammenhang mit aggressivem Verhalten nach Eintritt der Geschlechtsreife. Diese wie auch gegenwärtige Untersuchungen an unserem Institut zeigen sehr deutlich, dass in der Tat eine „kaninchengerechte Fütterung“ eine viel nachhaltigere Wirkung auf den Gesundheitsstatus hat als Fragen der Gruppengröße und Besatzdichte. Als Rassekaninchenzüchter kennen Sie das Problem der Enterocolitis bzw. Enteropathie, das es zu lösen gilt. Nach den vorliegenden Erkenntnissen liegt der Schlüssel zur Lösung dieser Frage in der Futterrationsgestaltung. Sie wissen auch, dass die Besatzdichte immer im Zusammenhang mit der Gruppengröße zu betrachten ist: bei gleicher Fläche pro Tier steht Tieren in größeren Gruppen relativ mehr Platz zur Verfügung. Das ist keine Zentimeterrechnung, sondern wurde beispielsweise in der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung für die Gruppenhaltung tragender Sauen in analoger Weise anerkannt, indem z. B. bei einer Gruppengröße bis zu 5 Tieren pro Jungsau eine Fläche von 1,85 m² und pro Altsau von 2,5 m², für Gruppen von mehr als 40 Tieren dagegen Flächen pro Tier von 1,5 bzw. 2,05 m² gefordert werden.

Nur in den Niederlanden gibt es innerhalb der Europäischen Union bislang eine gesetzliche Regelung zur Kaninchenhaltung. In Deutschland wurden durch die WRSA gemeinsam mit dem DLG-Ausschuss für Kaninchenzucht und –haltung Leitlinien entwickelt (2007) und in 2009 novelliert, um den Kaninchenhaltern und den Amtstierärzten gleichermaßen Orientierungen zu Mindeststandards bei der Haltung von Kaninchen zu geben. Die Leitlinien entstanden auf der Grundlage eines internationalen Forschungsnetzwerkes (COST action 848): Multifacetted research in rabbits: a model to develop a health and safe production in respect with animal welfare.

Die Empfehlung der Bundestierärztekammer, die „Landwirte könnten sich Nischen schaffen und 500 bis 1000 Tiere in Bodenhaltung mästen” ist sehr kritisch zu sehen, weil sie das Risiko eines latenten Kokzidieninfektionsdruckes unterschätzt. Leider zeigen verschiedene Beispiele aus der Praxis, dass auch bei höchst engagierten Kaninchenhaltern Verluste im hohen zweistelligen Bereich bei diesem Haltungssystem nicht zu vermeiden waren. Ein massiver Medikamenteneinsatz zur Gesunderhaltung der Kaninchen unter diesen Bedingungen kann sicher nicht im Interesse der Bundestierärztekammer sein.

Inwiefern Kaninchen für die Massenproduktion nicht geeignet sind und es keine artgerechte Haltung von Mastkaninchen zur Fleischgewinnung geben kann, erschließt sich dem Leser nicht. Behauptungen werden nicht dadurch bewiesen, dass sie häufig wiederholt werden.

Sehr geehrter Herr Präsident, ich möchte Sie und die Bundestierärztekammer um eine sachliche und fachlich fundierte Diskussion zum Thema Kaninchenhaltung bitten. Gern können wir bei der Weiterentwicklung von Mindeststandards für die Haltung von Kaninchen zusammenarbeiten.

 

Mit freundlichen Grüßen

 

 

Prof. Dr. Steffen Hoy

Vorsitzender der WRSA und des DLG-Ausschusses für Kaninchenzucht und -haltung